Die Versuchung

Der US-Konzern Apple ist  beim Steuerzahlen sehr erfindungsreich. Mit Hilfe irischer Tochterfirmen konnte die Firma sündhaft hohe Gewinne verbuchen. Vor Gericht soll jetzt geklärt werden: Wie viel darf ein Staat vom saftigsten Apfel der Welt abbeißen? 

Von Lena Kampf, Alexander Mühlauer und Nicolas Richter

Für Max Lienemeyer ist es ein ganz normaler Tag im Büro – bis er unerwartet Zeuge wird, wie einer der mächtigsten Männer der Welt in Not gerät.

Lienemeyer, Vize-Referatsleiter bei der EU-Kommission in Brüssel, bekommt eine E-Mail. Darin rät ihm ein Kollege, er möge sich mal ein Video ansehen. Das Video zeigt Tim Cook, den Chef des Apple-Konzerns, der sich wenige Tage zuvor im US-Kongress verantworten musste.

Cook scheint an jenem 21. Mai 2013 keinen guten Tag zu haben. Jedes Jahr verkauft seine Firma Millionen iPhones und iPads. Man sollte meinen, dass Cook nur gute Tage kennt. Aber vor den Senatoren sitzt Cook wie ein Angeklagter. Einer wirft seiner Firma vor, „den Heiligen Gral der Steuervermeidung gesucht“ und gefunden zu haben. Apple habe Milliarden an Steuern gespart, indem es sein Geld durch ein Geflecht von Firmen in Irland schleuse.

„Wo haben diese Firmen ihren Steuersitz*?“, fragt ein Senator.

„Keine dieser Firmen hat einen Steuersitz*“, sagt Cook.

„Klingt das für Sie logisch?“, fragt der Senator.

Cook bemüht sich, freundlich zu bleiben. Meist aber wirkt er angespannt, wenn er beteuert, nichts Falsches zu tun. Der Senator fragt ihn schneidend zu seinem Steuersparmodell: „Können Sie verstehen, dass das nach einem unfairen Vorteil aussieht?“ Der Apple-Chef sucht nach Worten, aber er beharrt: „Ich finde das nicht unfair. Ich bin kein unfairer Mensch, so ist die Firma nicht, und so bin ich auch nicht.“

C-Span
Tim Cook spricht am 21. Mai 2013 vor dem US-Senat über das Steuergeflecht von Apple.

In Brüssel ist der EU-Beamte Max Lienemeyer elektrisiert. Apple, die wertvollste Firma der Welt, zahlt lächerlich wenig Steuern auf die Einkünfte aus dem globalen Geschäft, und das, dank der Hilfe Irlands, angeblich ganz legal. Lienemeyer – so wird er es später erzählen – ruft seinen Chef an. Als der das Video gesehen hat, eilt er in Lienemeyers Büro und ordnet an, die neuen Erkenntnisse zu Papier zu bringen. „Schreib das mal auf“, sagt er.

In Washington hat sich die Anspannung da schon wieder gelöst. Im Video sieht man, wie der strenge Senator im Scherz fragt: „Warum zur Hölle muss ich ständig die Apps auf meinem iPhone aktualisieren?“ Apple hat vermutlich nicht viel zu befürchten. Die Marke ist längst eine amerikanische Ikone, fast jeder im Raum besitzt ein iPhone, und auf mehr Härte beim Eintreiben von Steuern kann sich der gespaltene Kongress ohnehin nicht einigen.

C-Span
Der republikanische Senator und ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain outet sich als iPhone-Nutzer.

Der Ärger kommt dann von woanders: Von Max Lienemeyer, einem großen, schweren Mann, dessen Team nach ihm benannt ist. In Brüssel nennt man seine Task Force die „Max Force“, als sei sie eine Naturgewalt. Lienemeyer wacht über fairen Wettbewerb. Keine Firma, so sein Auftrag, darf von einer europäischen Regierung bevorzugt werden, ob durch Subventionen, Sonderregeln oder Steuergeschenke. Genau dieser Verdacht aber keimt nun in der Brüsseler Bürokratie – dass Irland einen Steuerdeal mit Apple geschlossen hat, der so exklusiv und absurd vorteilhaft ist, dass er den Wettbewerb verzerrt.

Lienemeyer nutzt die Vollmachten der Wettbewerbskommission, die denen eines Staatsanwalts ähneln und schickt drei Wochen nach dem Auftritt Cooks den ersten Brief nach Dublin. Darin verlangt die EU von den Iren eine Erklärung.

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