Anatomie einer Katastrophe

Alle reden über die Klimakrise, aber kaum einer versteht sie. Über ihre Ursachen und wie unsere Zukunft aussieht - bei 1,5 bis vier Grad.

Wir stecken mitten in einer der größten Krisen der Menschheit. Und das ist der Grund dafür: ein winzig kleines Molekül.

Kohlendioxid. Ein Gas, dessen Vorkommen in der Erdatmosphäre verschwindend gering ist. Aber seine Wirkung ist gewaltig.

Wir heizen den Planeten auf, weil wir permanent CO2 ausstoßen - viel zu viel, tonnenweise.

Beim Fliegen oder beim Autofahren zum Beispiel ist eine Tonne CO2 relativ schnell freigesetzt.

Auch beim Zugfahren entsteht Kohlendioxid, aber dort kommt man mit derselben Menge CO2 sehr viel weiter.

Eine Tonne, das ist so viel wie etwa das Braunkohlekraftwerk Neurath in die Luft abgibt - in einer Sekunde.

Etwa zehnmal so viel, 9,6 Tonnen CO2, verursacht ein typischer Deutscher pro Jahr - das ist ungefähr doppelt so viel wie alle Menschen weltweit im Schnitt. 

Das heißt, die gesamte Bundesrepublik bläst pro Jahr etwa so viel CO2 in die Luft.

Weltweit belastet die Menschheit die Atmosphäre Jahr für Jahr mit Milliarden von Tonnen CO2.

Und seit der Industrialisierung sind es schon weit mehr als zwei Billionen Tonnen.

Eine Zahl, die man sich kaum vorstellen kann. Was man sich aber vorstellen kann: Dass eine so gewaltige Menge auch ein gewaltiges Problem für den Planeten und seine Bewohner bedeutet. All das CO2 ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts zusätzlich in die Luft gelangt und hat den natürlichen Kohlenstoffkreislauf nach und nach aus dem Takt gebracht. Denn Kohlendioxid ist zäh, es zerfällt nicht, es hält sich bis zu 1000 Jahre in unserer Atmosphäre und reichert sich dort an.

infografik CO<sub>2</sub> in atmosphäre

ESRL/NOAA

1750 kamen 280 CO2-Moleküle auf eine Million Luftmoleküle (parts per million), heute sind es 407. Und das ist das entscheidende Problem, denn Kohlendioxid ist - wie etwa auch Methan oder Lachgas - ein Treibhausgas. Der Treibhauseffekt selbst ist erst einmal gar nichts schlechtes, im Gegenteil. Er bewirkt, dass die von der Erde abgestrahlte Wärme nur zu einem Teil wieder ins Weltall verschwindet. Ein Teil bleibt da und verhindert, dass die Erde vereist. Ohne Treibhausgase hätten wir eine weltweite Mitteltemperatur von nur minus 18 Grad.

Der Zusammenhang wird auch deutlich beim Blick in die Erdgeschichte. Es gab schon immer Schwankungen, sowohl bei der Temperatur wie auch beim CO2 - das ist normal. Oder vielmehr: Es war normal, denn die derzeitige Entwicklung ist es nicht mehr. Die CO2-Konzentration bricht gerade historische Rekorde, sie übersteigt alles, was die Erde in Millionen von Jahren erlebt hat.

Das ist fatal, denn wenn die CO2-Konzentration steigt, steigt auch die Temperatur. Das war zu Zeiten der Dinosaurier so, das war im Pliozän, vor etwa drei Millionen Jahren, so. Damals war die CO2-Konzentration ähnlich, die Temperaturen in der Folge zwei bis drei Grad höher im Vergleich zu heute. Damals waren Grönland und die Nordpol-Region weitgehend eisfrei, ebenso die Westantarktis, wo Bäume wuchsen. Das mag harmlos klingen, bedeutet aber im Umkehrschluss, dass die Eismassen in die Ozeane fließen und den Meeresspiegel ansteigen lassen. Der war damals mindestens zehn Meter höher als heute, vielleicht sogar bis zu 40. So ist der Blick in die Vergangenheit womöglich auch einer in die Zukunft. Aber ein wesentlicher Unterschied ist, dass der Temperaturanstieg heute im Vergleich rasend schnell vonstatten geht. 

Der Klimawandel hat längst begonnen

Seit einem Jahr wird verstärkt über den Klimawandel geredet, viel mehr als in all den Jahren zuvor, obwohl die Prozesse und Gefahren seit mehr als 30 Jahren bekannt sind. Der Unterschied ist, dass die Folgen sich nicht mehr verdrängen lassen. Nicht nur wegen Greta Thunberg und Fridays for Future. Nicht nur wegen der erschreckenden Sonderberichte des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Szenario, zu den Landsystemen und zu den Ozeanen oder wegen des Berichts des Weltbiodiversitätsrats zum Artensterben.

Die Klimakrise ist, nun auch für Menschen im globalen Norden, im Wortsinn spürbar geworden. Stürme, Starkregen, Dürren, Hitze. Das Klima hat sich bereits deutlich erwärmt. Der Klimawandel beginnt nicht gerade erst - wir sind, lange schon, mitten drin. Die Erde ist heute um etwa ein Grad wärmer als vor 150 Jahren.

temperaturanstieg

UK Met Office Hadley Centre

Es ist dasselbe wie beim Kohlendioxid-Anteil in der Atmosphäre: Hört sich nach wenig an, weil es nur ein globaler Mittelwert über alle Tages-, Jahreszeiten und Regionen ist. Aber die Temperatur der Erdoberfläche weist je nach Ort sehr verschiedene Werte auf. Schon das Festland und die Ozeane unterscheiden sich erheblich, dasselbe gilt für Wüsten und Tropen, Täler und Berge. Daher können die Auswirkungen im einzelnen enorm sein, auch in Deutschland. Die extreme Hitze und Trockenheit in den Sommern dieses und voriges Jahr mit Temperaturen von mehr als 42 Grad lassen kaum noch eine andere Erklärung als die Erderwärmung zu, die Häufigkeit solcher Wetterereignisse nimmt Klimaforschern zufolge zu.

Und in anderen Regionen macht sich die Erderwärmung noch stärker bemerkbar - in der Arktis beispielsweise ist die Temperatur schon um zwei Grad gestiegen. Die Eisdecke schrumpft dort seit Jahren. Die Ausdehnung des Eises gerade im Sommer ist ein Gradmesser für den Klimawandel. In diesem Jahr waren im September nur noch 3,41 Millionen Quadratkilometer Eisfläche übrig, die zweitniedrigste je gemessene Ausdehnung. Auch alle anderen niedrigen Werte stammen aus diesem Jahrhundert. 

NSIDC/Cires/Nasa

Durch die Erderwärmung ist dieses Eis nur noch scheinbar “ewig”. In seinem jüngsten Spezialbericht zu Meeren und Eis erwartet der Weltklimarat eine eisfreie Arktis bis Ende des Jahrhunderts mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 35 Prozent - selbst wenn wir die Zwei-Grad-Grenze halten, wonach es derzeit nicht aussieht.

Und es schmilzt ja nicht nur das Eis der Arktis. Der Eisverlust in Grönland hat sich seit 2000 verdoppelt, der in der Westantarktis sogar verdreifacht. Das Meer steigt schon jetzt um knapp vier Millimeter pro Jahr. Auch das klingt nach wenig, aber im Vergleich zur vorindustriellen Zeit sind es schon 25 Zentimeter. Und nicht nur die zunehmende Wassermenge macht das Meer gefährlicher. Steigende Wassertemperaturen an der Oberfläche sorgen für mehr Wind - und damit für höhere und zerstörerische Wellen.

Auch wenn es bei einzelnen Wetterereignissen kaum möglich ist, einen Kausalzusammenhang herzustellen - die wachsende Zahl von Stürmen insgesamt und ihre größere Heftigkeit ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Folge des Klimawandels. Nur zwei Beispiele aus den vergangenen Wochen: Anfang September traf Hurrikan Dorian die Bahamas; es war der stärkste Sturm, der dort jemals gemessen wurde. Ganze Ortschaften wurden verwüstet, Siedlungen auf mehreren Kilometern Länge überflutet, Dutzende Menschen starben. 

Nur wenige Wochen später folgte Wirbelsturm Lorenzo, der weniger Schaden anrichtete, aber auf anderer Ebene alarmierend war: Er trat nicht in der Karibik oder im Golf von Mexiko auf, sondern weit draußen auf dem Atlantik zwischen Mittelamerika und Westafrika, viel weiter östlich und nördlich als sonst. Aber mittlerweile ist das Wasser dort warm genug für diese Art von Stürmen. Und dann nahm Lorenzo Kurs auf Europa, das, so die Einschätzung von Klimaforschern, sich künftig womöglich auf eine Hurrikan-Saison einstellen muss.

Und auch sonst überschlugen sich im Sommer 2019 die Ereignisse - und die Hiobsbotschaften. Island vermeldete den Tod eines Gletschers, des ersten infolge des Klimawandels, der früher dort war, wo auf dem Foto der Wanderer steht.

In Brasilien stand das Amazonasgebiet in Flammen, Hunderttausende Hektar Wald und Weiden verbrannten.

Wie viel Zeit und CO2 noch bleibt

Das sind die Folgen davon, dass die Menschheit bereits mehr als zwei Billionen Tonnen CO2 in die Luft geblasen und so die Klimakrise ausgelöst hat. Um diese aufzuhalten oder zumindest beherrschbar zu machen, müssen wir diesen Ausstoß drastisch reduzieren. Für jedes Grad lässt sich eine maximale Menge Kohlendioxid berechnen, die wir noch emittieren dürfen - sonst wird es noch wärmer. Mit diesem CO2-Budget ist also auch unser Schicksal verknüpft.

Wollen die Staaten die Erderwärmung zumindest theoretisch noch auf 1,5 Grad begrenzen, müssen sie schnell auf die CO2-Bremse treten. Bleibt der jährliche Ausstoß so wie jetzt, haben wir nicht einmal mehr neun Jahre, bis wir gar kein CO2 mehr emittieren dürfen.

Um die Erderwärmung zumindest bei um die zwei Grad zu halten, bleiben der Menschheit noch etwa 1130 Gigatonnen CO2 - ausgehend von den aktuellen Emissionen sind das grob geschätzt noch etwa 25 Jahre, um auf 0 zu kommen.

Ab hier werden Prognosen wegen der vielen Faktoren sehr schwierig - in jedem Fall bedeuten drei Grad dramatische Umwälzungen. Damit es nicht noch wärmer wird, dürften wir nur noch bis circa 2050 so wie bisher Treibhausgase emittieren und müssten bis 2100 auf 0 kommen.

Im Vier-Grad-Szenario wären bis Ende des Jahrhunderts fast 4000 weitere Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft gelangt - und die Menschen hätten es auch dann noch nicht geschafft, klimaneutral zu leben.

Es geht theoretisch aber noch weiter, über das derzeit Vorstellbare hinaus. Die CO2-Emissionen hier sind nur geschätzte Maximalbudgets, jenseits derer nur mehr bedrohliche Unwägbarkeiten liegen. Solange Treibhausgase freigesetzt werden, steigt auch die Temperatur weiter. Immer weiter. 

Was kommt also auf die Welt zu?

Es scheint, als ob die Nachrichten dieses Sommers ein Blick in die klimatische Glaskugel waren. Als ob Hitze, Stürme, Waldbrände und all die anderen Hiobsbotschaften ein bitterer Vorgeschmack auf eine unwirtliche Zukunft waren. Denn alles deutet darauf hin, dass das nur der Anfang war. Denn schon jetzt ist klar: Die Erde wird sich weiter erwärmen. Die Frage ist nur noch: Wie sehr?

1,5 bis zwei Grad 

Die schlechte Nachricht zuerst: Selbst wenn es gelingt, die CO2-Emissionen sehr schnell drastisch zu reduzieren, werden massive Folgen in allen Teilen der Erde zu spüren sein. Um mindestens 30 Zentimeter wird der Meeresspiegel bis 2100 auf jeden Fall steigen, aber auch 60 Zentimeter sind denkbar. Atoll-Inseln werden damit zwar nicht versinken, aber unbewohnbar, da die unterirdischen Trinkwasserspeicher vielerorts durch regelmäßige Fluten versalzen. Metropolen wie Shanghai müssen sich mit Deichen schützen.

Der Meeresspiegel wird noch mindestens über Jahrhunderte weiter steigen, um bis zu einem Meter, vielleicht auch zwei; über die Jahrtausende könnten selbst in diesem Szenario bis zu elf Meter folgen, wenn Kipppunkte überschritten werden. Weil das von Menschen in die Atmosphäre gebrachte CO2 lange nachwirkt: Selbst in 10.000 Jahren werden noch bis zu 14 Prozent des heute ausgestoßenen Kohlendioxids vorhanden sein. Die Temperaturen werden auch lange, nachdem die Emissionen gestoppt sind, nicht sinken. Nur wenn es gelingt, mit technischen Innovationen CO2 in großem Stil aus der Luft zurückzuholen, werden die Temperaturen wieder sinken. Doch das ist momentan nicht absehbar.

Die Arktis wird sich - auch bei Erreichen des Paris-Ziels, eine Erwärmung der Welt um zwei Grad zu verhindern und auf 1,5 Grad zu begrenzen - um bis zu fünf Grad erwärmen. Das heißt, dass Lebensräume in Permafrost und Eis deutlich schrumpfen. Eisfreie Sommer am Nordpol sind dann zwar nicht die Regel, aber schätzungsweise einmal pro Jahrzehnt zu erwarten. Auch die Westantarktis wird womöglich einen großen Teil ihres Eises verlieren.

Eng wird es vor allem für Grönland: Forscher schätzen bei großer Unsicherheit nach oben und unten, dass bei einer Erwärmung von 1,8 Grad ein Kipppunkt erreicht ist. Dann schmilzt das Eis langsam, aber sicher komplett ab. 

eisberg nordpol

Auch in diesem günstigsten Szenario nehmen Wetterextreme zu: Starkregen wird um etwa ein Drittel häufiger werden, Dürren etwa vier Monate länger andauern; Tropen-Wirbelstürme werden um bis zu zehn Prozent heftiger, dafür aber etwas seltener. Auch zu Hitzewellen wird es häufiger kommen als heute: Extreme Hitzewellen wie jene von 2003 in Mitteleuropa sind weiterhin seltene Ereignisse und nicht die Normalität; 70 Prozent der Weltbevölkerung werden sie seltener als einmal in 20 Jahren erleben.

Allerdings müssen die Menschen in mittleren Breitengraden, auch in Deutschland, mit einem stärkeren Temperaturanstieg rechnen als dem globalen Durchschnittswert. Eine Erhöhung um 1,5-Grad hat Deutschland bereits erreicht. Steigt die Temperatur global um diesen Wert, sind extrem heiße Tage hier etwa drei bis vier Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit, also müssen die Menschen in Deutschland mit Temperaturen bis maximal um die 44 Grad rechnen. Nachts ist das noch deutlicher spürbar: Die wärmsten Nächte hierzulande sind in diesem Szenario bis zu sechs Grad wärmer. Das bedeutet für die Menschen im Westen, dass sie in Zukunft weniger heizen müssen. Dafür dürfte der Energieverbrauch für Klimaanlagen allerdings deutlich zunehmen.

Schon eine solche Entwicklung ist für viele Tiere und Pflanzen dramatisch - sie wird mutmaßlich für einen großen Teil der Warmwasserkorallen das Ende bedeuten; schon heute sind sie schwer geschädigt. Unterwasserwüsten statt einem der an und für sich lebendigsten und artenreichsten Lebensräume wie hier vor den Malediven werden dann die Regel sein.

eisberg nordpol  

Trotzdem ist eine 1,5- oder auch 1,9-Grad-Welt nicht unwirtlich. Bis zu 30 Prozent der Korallen etwa können bei 1,5-Grad-Temperaturanstieg überleben, viele Meeres- und Küstenökosysteme bleiben erhalten. Mehr als 80 Prozent der Insekten und Pflanzen sowie mehr als 90 Prozent der Wirbeltiere können immerhin mindestens die Hälfte ihres klimatischen Lebensraums behalten. Und die Natur hätte eine gute Chance, sich langfristig einigermaßen anzupassen.

Zwei bis drei Grad

Wenn die Staaten lediglich ihre bislang gemachten Zusagen aus dem Paris-Abkommen umsetzen und nicht noch kräftig nachlegen, wird sich die Welt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um bis zu drei Grad erwärmen. Damit wird sich das Klima und auch das Leben auf der Erde radikal verändern.

Natürlich wird ein solcher Wandel, wenn er einsetzt, Jahrtausende dauern. Aber in der Drei-Grad-Welt steigt der Meeresspiegel schon bis zum Jahr 2100 vermutlich um etwa 60 Zentimeter, schon bis 2300 könnten ein bis zwei weitere Meter hinzukommen - später noch mehr. Tiefliegende Inseln wie Kiribati oder Tuvalu erodieren und werden mindestens teilweise überflutet.

Lebensräume und ganze Kulturen gehen unter. Und nicht nur Millionenstädte wie das indische Kalkutta oder Dhaka in Bangladesch sind zunehmend vom Meer bedroht. Auch europäische Küstenstädte wie Rotterdam in den Niederlanden oder auch Hamburg werden sich nur mit Dämmen und Deichen vor Überflutungen schützen können. Schon in den nächsten Jahrzehnten werden die Veränderungen massiv sein: Die Erwärmung führt dazu, dass Warmwasserkorallen kaum eine Überlebenschance mehr haben, weil sich die Anzahl der Hitzewellen-Tage im Meer in etwa verdreißigfacht. Bis die Temperatur auf drei Grad gestiegen ist, dürften die Riffe längst abgestorben und von Algen überwuchert sein. Dass die toten Korallenskelette zerbröckeln, hat zur Folge, dass die Inseln und Küstengebiete hinter den Riffen nicht mehr vor den Wellen geschützt sind. Und die werden wegen des steigenden Meeresspiegels ohnehin immer mächtiger.

eisberg nordpol  

Das gilt auch für tropische Wirbelstürme, die wahrscheinlich schon bei zwei Grad Erwärmung im Mittel um mindestens zehn Prozent stärker sind: Sie erreichen häufiger als früher die zerstörerischen höchsten Kategorien 4 oder 5. Die Schadenssummen sind dann immens.

Auch andere Wetterextreme nehmen zu: Starkregen etwa wird vermutlich schon bei zwei Grad um 36 Prozent häufiger sein - das verstärkt Erosionsprobleme und damit die Gefahr von Erdrutschen. Flusshochwasser werden häufiger, auch in gemäßigten Breiten, auch in Europa - auf Deutschland bezogen geht man schon jetzt davon aus, dass die Schadenssumme um das Achtfache steigen wird.

Die Experten von “Carbon Brief”, die Daten von 70 Studien zusammengefasst haben, berichten, schon bei zwei Grad mehr steige die Wahrscheinlichkeit für ein Jahrhunderthochwasser am Rhein um fast 40 Prozent. Noch schlimmer kommt es in anderen Regionen: In Bangladesch, Bhutan und Indien vervielfacht sich die Zahl der Menschen, die von Hochwassern betroffen sind und Häuser und Ernten verlieren.

Große Dürren, die heute noch Jahrhundertereignisse sind, könnten in großen Teilen Afrikas, Australiens, Südeuropas, Nord- und Südamerikas und der Karibik alle zwei bis fünf Jahre auftreten. Und statt wie heute einige Monate lang ist es durchaus wahrscheinlich, dass eine durchschnittliche Dürre beispielsweise in Südeuropa fast ein Jahr dauert, in Nordafrika sogar ein bis zwei Jahre. Dürre wäre in diesen Regionen dann nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalzustand. Unter diesen Dürren und unter Wasserknappheit werden, so befürchten die Fachleute, fast 200 Millionen Menschen leiden - was auch Fluchtbewegungen auslösen könnte. Darüber hinaus gehen Experten bei zwei Grad mehr davon aus, dass für Europa die Wahrscheinlichkeit einer Hitzewelle wie 2003 bei fast 60 Prozent liegt - in jedem Jahr. Damals starben Tausende Menschen wegen der extremen Temperaturen.

Auch auf dramatische Waldbrände wird sich Europa weit mehr als bisher schon einstellen müssen: Die jährlich verbrannte Fläche etwa im Mittelmeerraum steigt in diesem Szenario um mehr als 50 Prozent. Das bedeutet auch: Die Lebensmittelversorgung wird unsicherer, Knappheiten, Preisschwankungen und Hungersnöte häufen sich, da das, was im Süden an Ernten verloren geht, nur teilweise von neuen Anbaugebieten im Norden ausgeglichen werden kann.

Noch massiver sind die Auswirkungen im Norden: Sommer ohne Eis in der Arktis sind wahrscheinlicher als solche mit; die Schneedecke in den warmen Monaten geht auf der ganzen Nordhalbkugel schon bei zwei Grad Erwärmung vermutlich um ein Viertel zurück. Der bodennahe Permafrost taut auf etwa der Hälfte der weltweiten Fläche auf, in der Tundra entstehen dann Buschlandschaften, Feuchtgebiete und Seenplatten.

Die Feuchtigkeit kann dazu führen, dass noch größere Mengen des stark wirksamen Treibhausgases Methan aus dem Boden entweichen - einer der zentralen Kipppunkte, der den Klimawandel womöglich stark beschleunigen wird. Auch Grönlands Gletscher sind dann aller Wahrscheinlichkeit nach instabil geworden, die Eisdecke schmilzt unaufhaltsam ab, weil sie sich nicht mehr durch Schneefall selbst erhalten kann. Nicht mehr nur die Westantarktis verliert an Masse, sondern nun auch die riesige Ostantarktis.

Solche rapiden Veränderungen kann die Natur kaum mehr abpuffern. Wenn die globale Durchschnittstemperatur um drei Grad steigt, bedeutet das für trockene Landgebiete, dass sie sich um mindestens vier bis fünf Grad erwärmen. Und das bedeutet für etwa die Hälfte aller Pflanzen und Insekten, dass sie mehr als 50 Prozent ihres Lebensraums verlieren. Das Massenaussterben des 21. Jahrhunderts wird sich dann mutmaßlich erheblich beschleunigen.

Über vier Grad

Wenn die Industriestaaten ihren Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen nicht bald deutlich reduzieren und die Entwicklungsländer ihren Energieverbrauch weiter erhöhen, dann kann die globale Durchschnittstemperatur Ende dieses Jahrhunderts um vier oder noch mehr Grad steigen. Das ist die derzeit besorgniserregendste Zukunftsprognose. Hier verändert sich die Erde so stark, dass Prognosen zu den Folgen sehr schwierig sind.

Das Klima und die Ökosysteme der Erde sind extrem komplex. Was an einem Ort passiert und dort womöglich gar keine dramatischen Konsequenzen nach sich zieht, kann die Klimaveränderungen andernorts und insgesamt stark beeinflussen. Für das Vier-Grad-Szenario ist davon auszugehen, dass die für eine Temperaturzunahme von 1,5 Grad bis drei Grad beschriebenen Folgen nicht nur etwas schlimmer werden. Jede weitere Temperaturerhöhung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kipppunkt passiert wird, dass also nicht mehr zu stoppende, fatale Dominoeffekte ausgelöst werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Grönländische Eisschild abschmilzt, nimmt deutlich zu - und wenn Grönland eisfrei ist, wird der Meeresspiegel um sieben Meter höher liegen. In der Folge werden in vielen Küstengebieten Schutzmaßnahmen notwendig, um die See fern zu halten. Wo das nicht gelingt, drohen neben Überflutungen und Hochwasser auch die Erosion der Küsten und die Versalzung des Grundwassers.

Die Häufigkeit schwerer Stürme nimmt wahrscheinlich weiter zu, entsprechend leiden mehr Menschen, vor allem in Asien, unter den Folgen. Zum Beispiel: Wenn heute etwa in Russland ein Mensch von einem Sturm betroffen ist, werden es künftig fünf sein, in Indien 24, in Bangladesch sogar 32. Ohne ausreichende Schutzmaßnahmen, so warnt der IPCC, werden insgesamt Hunderte von Millionen Menschen ihre Heimat an die See verlieren.

Auch die Zahl der Hitzetoten steigt deutlich - und zwar auch dort, wo das Klima bislang gemäßigt war. Für Deutschland etwa meldet der Deutsche Wetterdienst einen Erwärmungstrend von plus 1,5 Grad seit 1881, in Bayern liegt die Temperatur in der Regel noch etwas höher, und in der Großstadt München, wo die Luft zwischen hohen Häusern schlechter abkühlt als im Umland, ist die Temperatur besonders hoch. Das heißt: Steigt die Oberflächentemperatur global um vier Grad, müssen München und Umgebung bis 2100 sogar mit einem Anstieg um fünf bis sechs Grad rechnen. Auch in Städten wie Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main könnten es bis zu fünf Grad und mehr werden, warnen die Experten von “Carbon Brief”.

Das bedeutet aber nicht nur Schweiß und schlaflose Nächte - sondern, dass Menschen sterben. Schon im Hitzesommer 2018 sind allein in Berlin und Hessen mehr als tausend meist ältere Menschen aufgrund der Hitze gestorben.

Eine große Studie aus Frankreich über den extremen Sommer 2003 kam sogar zu dem Schluss, dass in Westeuropa 70.000 Menschen Opfer der Hitze wurden, davon etwa 7000 in Deutschland. Bei einem Anstieg um vier Grad wird auch die Zahl der Hitzetoten zunehmen - in Frankreich um knapp sechs Prozent, in Spanien und Italien um mindestens sieben Prozent, noch deutlich höher etwa in Vietnam, auf den Philippinen und in Thailand. Gefährlich wird auch, dass sich in manchen Regionen Krankheiten weiter ausbreiten. So dürfte in Südamerika etwa die Zahl der Dengue-Fieber-Fälle um mehrere Millionen ansteigen. Malaria könnte in Gebieten auftreten, in denen es sie zuvor nicht gab. 

Neben mehr Hitze müssen Menschen weltweit auch mit mehr Trockenheit rechnen. Global und regional, so der Weltklimarat IPCC, wird eine Erwärmung von etwa vier Grad die Nahrungssicherheit insbesondere in den tropischen und gemäßigten Regionen stark gefährden. Dass es aufgrund der Klimaveränderungen mancherorts auch Ertragssteigerungen geben wird, wird die Ernteausfälle insgesamt nicht ausgleichen.

Die Ernährung wird auch beeinträchtigt durch die Veränderungen in den Meeren und Flüssen, die massive Folgen für die Fischerei haben. In den Ozeanen wird vielerorts der Sauerstoff knapp, zugleich kommt es durch die Kohlendioxidemissionen zur Versauerung. Tote Zonen breiten sich aus.

Damit wächst das Risiko für gewaltsame Konflikte etwa zwischen Gruppen oder Staaten, die um Ressourcen konkurrieren. Die Folge wären Fluchtbewegungen. Die genaue Zahl ist sehr schwer vorauszusagen, Schätzungen reichen von 50 bis 200 Millionen Klimaflüchtlingen Mitte des Jahrhunderts. Sollte der Meeresspiegel um einen halben Meter ansteigen, wäre der Siedlungsraum von 72 Millionen Menschen bedroht.

Und jetzt?

Das ist die erschütternde Bilanz bisher. Man muss festhalten: Das Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad zu begrenzen, das Ziel, auf das sich die Weltgemeinschaft dem Pariser Abkommen nach offiziell verpflichtet hat, ist angesichts der seitdem augenscheinlichen politischen Lethargie fast illusorisch. Und selbst wenn ab sofort niemand mehr fossile Brennstoffe verwenden würde, würde die Temperatur aufgrund des Beharrungsvermögens von CO2 erstmal noch weiter steigen.

Das bedeutet aber nicht, dass es sich nicht lohnte, etwas gegen weitere Emissionen zu tun. Ganz im Gegenteil: Gerade die Unwägbarkeiten, die Unsicherheit der Prognosen und das unkontrollierbare Gefahrenpotenzial von Kipppunkten sind ein Argument für den Kampf um jedes Zehntelgrad.