Große Geschichte

Hochzeit mit dem Tod

Freya von Moltke erinnerte sich für SZ-Reporterin Annette Ramelsberger an die Zeit des deutschen Widerstandes

Im Format Große Geschichte leben bedeutende Reportagen aus sieben Jahrzehnten SZ-Journalismus wieder auf. Diesmal ein Porträt von Freya von Moltke, einer der Witwen des deutschen Widerstandes, die ihre Erinnerungen an die NS-Zeit mit SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger teilte. Der Artikel ist im Juli 2004 unter dem Titel "Wenn der Tod auf ewig bindet" erschienen. Die Rechtschreibung entspricht der Entstehungszeit.

Norwich, im Juli 2004 – Draußen blühen die Rhododendren, die Vögel zwitschern, von den Nachbarn lärmen die Rasenmäher herüber, die die Vorgärten der Häuser im amerikanischen Vermont aussehen lassen wie frisch manikürt. Drinnen ist es ganz still. Keine Uhr tickt, kein Telefon läutet, noch nicht einmal eine Fliege brummt gegen die Fensterscheibe. Es ist so still, dass man glaubt, Gedanken hören zu können. Die Gedanken dieser Frau, die sich in die tiefen Polster ihrer Couch gelehnt hat. Sie hat die Augen geschlossen. Nur die langen, kräftigen Finger wandern über ihr Gesicht, als ob sie Schleier von der Vergangenheit wegwischen wollte – wie Spinnengewebe. Die Finger streichen über die Augen, über die Stirn, die Schläfen. Man sieht, wie Erinnerungen auftauchen, sieht, wie sie von der Frau Besitz ergreifen, wie die Lider flattern und die Hände. Jetzt, jetzt wird sie sprechen. Jetzt muss sie sprechen. Da räuspert sich die Frau, sie schlägt die Augen auf und – verstummt. Nach einer Weile sagt sie mit rauer Stimme: „Es ist unbeschreiblich, wenn es einen trifft.“ So unbeschreiblich, dass sie kaum darüber sprechen kann. Immer noch nicht. Auch heute noch nicht, nach 60 Jahren.

Freya von Moltke war 33, als ihr der Mann ermordet wurde. Ermordet, weil er und seine Freunde gewagt hatten zu denken. Mehr war es nicht. Helmuth James Graf von Moltke und seine Frau Freya hatten mit ihren Freunden vom Kreisauer Kreis darüber nachgedacht, wie das Deutschland nach Hitler aussehen sollte. Sie hatten die Alternative geplant, die Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli herbeibomben wollte. Freya von Moltke hat Stauffenberg nie getroffen. Und dennoch hat er ihr Leben verändert.

Es muss der Blick gewesen sein, der sie nie wieder losgelassen hat. Der Blick ihres Mannes auf dem Weg ins Gefängnis. Ein Blick ohne ein Wort. Sie stand in der Pforte der Haftanstalt Tegel in Berlin, unerkannt, als er vorbeigeführt wurde, er, der große, stolze Mann, der Graf, in Sträflingskleidern. Er war ganz nah. Sie schaute ihn an, er schaute sie an. Zwei Verschwörer, die sich ihrer Liebe versicherten, ohne sich zu verraten. Diszipliniert bis ins Herz. „Er wusste, dass ich wusste. Ich wusste, dass er wusste“, sagt Freya von Moltke. Sie deutet von ihrem Sofa auf den Fliederbusch neben dem Haus, vier, fünf Meter entfernt. „Weiter war er nicht weg.“ Es muss dieser Blick sein, der sie bis heute fest hält.

„Mein liebes Herz“

Die Witwen des Widerstands haben nicht wieder geheiratet. Nicht die Frau des Peter Graf Yorck von Wartenburg, nicht die Frau des Adolf Reichwein, nicht die Frau des Adam von Trott zu Solz, nicht die Frau des Hans Bernd von Haeften, nicht die Frau von Klaus Schenk Graf von Stauffenberg. Als wenn sie der Tod der Männer gebunden hätte, für alle Zeit.

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