SERIE: "WAS SICH ÄNDERN MUSS"

Weiß ist nicht gleich objektiv

Wie kann Journalismus vielfältiger werden? Die Politologin und Journalistin Hadija Haruna-Oelker über die Wirkung von Sprache, Gewohnheitslösungen in Redaktionen und das Konzept des "Allys".   

Protokoll von Theresa Hein

In der Serie „Was sich ändern muss“ sprechen Medienschaffende aus ganz Deutschland darüber, was Redaktionen gegen rassistische Strukturen tun können und wie Journalismus diverser werden kann. Den Anfang macht Hadija Haruna-Oelker, geboren 1980. Die freie Journalistin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main, unter anderem als Autorin beim Deutschlandfunk. Sie ist Mitglied im Journalistennetzwerk Neue Deutsche Medienmacher*innen.

„Kannst Du als Schwarze Frau beim Thema Rassismus überhaupt neutral sein?“ Diesen Vorwurf habe ich direkt und indirekt oft gehört. Weiße Menschen trauen häufig nur Weißen zu, sie könnten bei allen möglichen Themengebieten objektiv sein. Sie gelten als die kompetenten Journalisten, die sich professionell verhalten. „Betroffenheitsjournalismus“ heißt es nicht selten bei Journalisten wie mir. Natürlich will und muss nicht jeder, der von Rassismus betroffen ist, darüber sprechen und schreiben. Aber es sollte auch niemandem verwehrt werden.

Einerseits wird Menschen mit Rassismuserfahrungen also ihre Professionalität abgesprochen. Andererseits dürfen diese Menschen aber auch, wenn das Thema mal hochkocht – wie in den vergangenen Monaten – fast für nichts anderes „Experten“ sein.

Überlegen Sie einmal: Wer sind die Expertinnen, die angefragt werden für Talkshows, für Beiträge, für Texte? Wie divers ist die Auswahl? Redaktionen müssen sich fragen, warum das passiert. Ich interpretiere da keine böse Absicht hinein. Häufig ist man in einer Redaktion unter Zeitdruck, dann greift man eben auf die Menschen zurück, die man kennt. Es sind Gewohnheitslösungen. Aber je vielfältiger und offener die Zusammensetzung einer Redaktion, desto vielfältiger ist auch die Auswahl der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Wir von den Neuen Deutschen Medienmacher*innen haben Online eine Expertendatenbank eingerichtet, den „Vielfaltfinder“. Menschen mit vielseitigen Fachgebieten. Was sie eint, ist ihre Migrationsgeschichte. Mit ihnen lässt sich die Vielfalt in Deutschland ganz einfach spiegeln. Es gibt Dinge, die Journalisten dagegen tun können, dass die Rezipienten nicht immer die gleichen Stimmen zu den unterschiedlichsten Themen hören – man muss es aber auch wollen.

„Schwarzafrikaner“ ist so unpräzise wie „Weißeuropäer“  

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Sprache, die wir im Journalismus verwenden. Mit Kolleginnen vom Radio hatte ich kürzlich ein Gespräch über Gendersternchen. Kann man im Radio eine Pause sprechen, an der Stelle, an der das Sternchen steht? Natürlich geht das. Sicher ist es anstrengend für Menschen, wenn sie damit anfangen. Genauso anstrengend mag es für manche sein, sich mit rassismus-sensibler Berichterstattung auseinander zu setzen. Aber ich kann das Wort „Zensur“ in diesem Zusammenhang nicht mehr hören.

Das Wort „Schwarzafrikaner“ ist ein gutes Beispiel für eine Wortwahl, die nicht rassismus-sensibel ist. Überall da, wo die Gegensätze fehlen – wo eine Sache markiert wird und eine andere nicht – sollte man hellhörig werden. „Schwarzafrikaner“ ist so unpräzise wie „Weißeuropäer“. Er markiert einen Stereotyp, der Menschen aus knapp 54 Ländern willkürlich zu einer homogenen Masse zusammenfasst. Der einzige Informationsgehalt des Begriffs ist „richtig schwarze Schwarze“ und damit rassifizierend.

Damit sich etwas verändert, müssen nicht immer nur die sprechen, die von Rassismus oder Diskriminierung betroffen sind. In den USA gibt es das Konzept des so genannten Ally, des Unterstützers. Menschen können also ein Bewusstsein für Dinge entwickeln, von denen sie nicht direkt betroffen sind. Sich mit dem Thema Diversität auseinanderzusetzen, bedeutet, es ernst zu nehmen. Wir wissen nicht immer alles, die Welt verändert sich. Und gerade der Job von Journalisten ist es doch, lernwillig zu bleiben.