Buch Zwei

Ganz weit oben

Das Bild ist verwaschen, der Ton knarzt und pfeift – und doch ist die Mondlandung der größte Moment der Fernsehgeschichte. Über das Raumfahrtprogramm vom Juli 1969.

20 Minuten Lesezeit

Von Holger Gertz

20. Juli 1969, ORF, Wien

Peter Nidetzky ist vielen Fernsehzuschauern ein Begriff, mehr als dreißig Jahre lang war er regelmäßig in der Verbrecherjäger-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ zu sehen. Die Sendung kam und kommt live, die Morde sind echt. Und weil im Fernsehen nichts so aufwühlend ist wie „live“ und „echt“, konnte man nach „Aktenzeichen XY“ nie besonders gut schlafen. Immer gegen Ende der Sendung fragte Moderator Eduard Zimmermann ab, welche Zuschauerhinweise reingekommen waren: „Und nun zu unseren Aufnahmestudios, zunächst Wien. Bitte, Peter Nidetzky.“ Da raschelte Nidetzky mit den Notizzetteln, um die Spannung ein wenig zu steigern, und sagte dann in seinem ungemein melodischen Kaffeehaus-Sound so etwas wie: „Ja, Eduard Zimmermann, ein sehr lebhafter Abend heute Abend in Wien.“

Peter Nidetzky sitzt im schönen Gastgarten vom Restaurant Wambacher in Wien-Hietzing, er ist längst Rentner, aber seine Stimme wird nicht alt. Kurz die Augen schließen, ihm zuhören, sofort ist man zurück im Kosmos der eigenen Kindheit. Nidetzkys bedeutendster Moment in seiner Karriere ähnelte den Auftritten bei „Aktenzeichen XY“ insofern, als es mal wieder darum ging, live drauf zu sein und die Leute um den Schlaf zu bringen. Was nicht schwierig war bei der Mondlandung.

Im Ablaufplan der Weltsensationen stand am 20. und 21. Juli 1969, dass die Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond landen und ihn betreten würden. Das ORF-Sendezentrum am Küniglberg gab es noch nicht, deshalb sendete man aus den ehemaligen Affenstallungen der Kaiserin Maria Theresia in Schönbrunn. Neben Nidetzky stand unter anderem der Experte Herbert Pichler bereit. Pichler war Mediziner, hatte sich aber ein derart immenses Weltraum-Wissen angelesen, dass er sich ein entsprechendes Upgrade verdient hatte. Nidetzky sagt: „Wir nannten ihn den Hals-Nasa-Ohrenarzt.“

Es war Sommer, die Sonne brannte auf das Studio, drinnen noch die Scheinwerfer. „Wir hatten 45, 48 Grad“, sagt Nidetzky. „Es gab ein paar Kleiderhaken, da hingen die Hemden, die haben wir getauscht, wenn sie durchgeschwitzt waren, und dann haben wir uns wieder hingesetzt. Und geraucht haben wir wie die Schlote.“

Die Livesendung dauerte 28 Stunden und 28 Minuten, weil die Aufnahmebänder damals überspielt und neu verwendet wurden, sind nur 19 Minuten erhalten. Man entdeckte sie zufällig am Ende eines Bandes, das – Österreich ist Österreich – angeblich mit Skirennen neu bespielt worden war. Dass Mitschnitte von Liveübertragungen verloren gehen oder gelöscht werden, ist nicht ungewöhnlich, man bewahrte damals wenig auf. Bei Wikipedia gibt es ein eigenes Kapitel über das nicht mehr auffindbare Mondlandungs-Material der BBC, erwähnt wird ein übrig gebliebener Schnipsel mit den legendären Moderatoren Patrick Moore und James Burke. Ein angehängter Screenshot deutet darauf hin, dass die Bildqualität nicht besonders ist. Es sieht aus, als hätten Moore und Burke auf dem Mond moderiert.

Die ORF-Sequenz allerdings zeigt, schwarz-weiß strahlend, den jungen Nidetzky, er hat eine Schachtel Marlboro vor sich, ein Feuerzeug. Die Landung steht kurz bevor. Warten, schwitzen. Der Hals-Nasa-Ohrenarzt sagt: „Die Befürchtung war, dass die Astronauten, wenn sie am Mond landen werden, im Mondstaub versinken.“ Der Stimmklang der Moderatoren mischt sich mit den Anweisungen der Kontrollstation in Houston und permanentem Funkrauschen, alles piepst, fiept, raunt, knarzt. Die Affenstallungen von Schönbrunn und das Weltall berühren sich. Der größte Augenblick des Fernsehens.

Nidetzky, damals 29, sprach in der Sendung über die Bedeutung des Moments: „Mit sehr vielen Leuten haben wir geredet, und die meisten haben gesagt: Ich will nicht die Aufzeichnung sehen. Ich will effektiv den Moment sehen, wann die Astronauten tatsächlich aussteigen. Ich stell mir den Wecker, oder wenn ihr auf Sendung bleibt, dann schau ich zu.“

Nidetzky, inzwischen 79, erklärt fünfzig Jahre später die Bedeutung des Moments: „Es war etwas, was nur ein einziges Mal im Leben passiert. So etwas ist wichtig für die Leute: Etwas ist ein Mal passiert, und da war ich dabei. Einzigartig, unique, nicht wiederholbar. Die danach geboren wurden, konnten nicht dabei sein.“

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