Studium

Was das Fach verrät

Welche Studierenden sind besonders häufig verheiratet? Wer wohnt noch bei den Eltern? Und wer verbringt viel Zeit mit Computerspielen? Zwischen den Fächern gibt es verblüffende Unterschiede. Ein Studium des Studiums in Grafiken.

16 Minuten Lesezeit

Von Bernd Kramer

Das erste Semester hat sich Michelle Lea Schnell, 19 Jahre, anders vorgestellt: Volle Vorlesungen, Essen in der Mensa, Begegnungen mit Kommilitoninnen und Kommilitonen zwischen Bibliothek und Fachschaftsparty. Doch die Corona-Pandemie hat auch bei ihr an der Uni Mainz alles verändert. Dieses Sommersemester ist eines der leeren Hörsäle und verwaisten Seminarräume, in der Bibliothek bleiben die schlauen Bücher unter sich. Der Start ins Studium findet digital statt.

Immerhin gab es für die angehende Wirtschaftswissenschaftlerin schon mal eine Führung über den Campus, virtuell mit maximalem Sicherheitsabstand. Ein Fachschaftsstudent hat ein Video für die Erstis aufgenommen: Hier sind unsere Institute, hier ist die Bibliothek, da geht es zu den Rechtswissenschaften, falls ihr für irgendeine Hausarbeit von denen mal Literatur braucht. 

Statt der Kneipentour, dem Initiationsritus des Studentenlebens, gab es eine Kennenlernrunde per Videochat, in Kleingruppen zu siebt. „Wir sollten uns alle Getränke für Trinkspiele kaltstellen“, sagt Michelle Lea Schnell. Die meisten versorgten sich mit Bier, sie nahm Wasser. Störte in der Ausnahmesituation aber auch niemanden.  

Eine Mitstudentin hat sie dabei kennengelernt, sie haben Stundenpläne abgeglichen und belegen nun gemeinsam die Vorlesungen. Online. Von Angesicht zu Angesicht getroffen haben sie sich noch nicht.

Wie sind sie also, die typischen Studierenden der Wirtschaftswissenschaften? „Schwer zu sagen“, sagt Michelle Lea Schnell, immerhin kontaktfreudig erschienen ihr aus der Ferne die Kommilitonen ihres Fachs. Und die Psychologinnen? Die Ingenieure? Wie ticken Germanistinnen? Interessieren sich Mediziner für andere Dinge als Juristinnen? Gute Frage. „An der Uni war ich in diesem Semester ja noch kein einziges Mal.“

So wie viele der schätzungsweise fast 80 000 jungen Menschen in Deutschland, die in diesen Wochen ihr Studium begonnen haben. 

Der typische Student ist heute ein anderer als vor einem halben Jahrhundert. Im Jahr 1975 zählte das Statistische Bundesamt in Westdeutschland 836 002 Studierende, eine kleine Zahl, die aber damaligen Beobachtern schon hoch erschien. Und es waren vor allem junge Männer, die man in den Hörsälen und Uni-Bibliotheken antraf. Frauen machten nur ein Drittel der Studierenden aus.

Heute sind an den Hochschulen im vereinigten Deutschland fast dreieinhalb mal so viele Menschen eingeschrieben wie Mitte der 70er Jahre, vor allem in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studierenden noch einmal deutlich angestiegen. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist fast ausgeglichen. Es ist nicht die einzige Änderung.

Die Studierenden wählen heute auch andere Fächer als vor 45 Jahren.   

Vor allem die Studiengänge in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ziehen heute viel mehr Menschen an als früher.

1975 waren nur 30 Prozent der Studierenden in einem Fach aus diesem Bereich eingeschrieben, inzwischen sind es fast 40 Prozent. 

Dahinter steht vor allem der Aufstieg der Wirtschaftswissenschaften: Knapp zehn Prozent der Studierenden im Jahr 1975 waren Wirtschaftswissenschaftler, inzwischen sind es über 15 Prozent. 

Und noch ein Bereich ist stark gewachsen: die Ingenieurwissenschaften.

Viele der im 19. Jahrhundert gegründeten Ingenieurschulen verwandelten sich mit Beginn der 70er Jahre zu Fachhochschulen. Die Industrie wollte wissenschaftlich gebildete Techniker, der Beruf wurde aufgewertet, ein praktisches Fach akademisch und aus Schülern wurden Studenten.

Heute studieren fast fünfmal so viele Menschen ein Ingenieurfach wie Mitte der 70er Jahre. Es gibt mehr Maschinenbauer, mehr Elektrotechnikerinnen, mehr Bauingenieure als jemals zuvor. 

Aber vor allem in einer der vielen technischen Disziplinen explodierte die Zahl der Studierenden.

Im Jahr 1975 gab es in der ganzen damaligen Bundesrepublik gerade einmal 6423 Informatikstudentinnen und Informatikstudenten. Bis zum Jahr 2018 steigt die Zahl um das 35-fache. Fast acht Prozent aller Studierenden in Deutschland sind heute für Informatik eingeschrieben, Mitte der 70er Jahre lag der Anteil bei unter einem Prozent.

Der Siegeszug des Computers hat auch die Uni verändert. Den Programmier-Nerds begegnet man heute ganz selbstverständlich auf dem Campus.

Irgendwie sagt es einem das Bauchgefühl: In einem Hörsaal mit Ingenieuren wird man andere Menschen treffen als in einem mit lauter Medizinstudentinnen, an der philosophischen Fakultät andere als an der sportwissenschaftlichen. Was ist Klischee, was Wirklichkeit?

In der Sozialerhebung befragt das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) alle paar Jahre zehntausende Studierende, zuletzt im Sommersemester 2016. Deutschlands Durchschnittsstudent ist demnach 24,7 Jahre alt, unverheiratet und verfügt über 918 Euro im Monat. „Aber es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Fachbereichen“, sagt DZHW-Forscher Markus Lörz. 

Was verrät das Fach über diejenigen, die es studieren? Exklusiv für die Süddeutsche Zeitung haben Lörz und sein Kollege Hendrik Schirmer die Angaben von mehr als 60 000 Befragten nach harten Gegensätzen und feinen Unterschieden ausgewertet. 

Welchen Abschluss die Eltern haben

Studieren oder nicht studieren, das ist die Frage. Die Antwort hängt für viele Schulabgänger auch davon ab, ob die eigenen Eltern studiert haben. Gut die Hälfte der Studierenden in Deutschland kommt aus Akademikerfamilien, die andere Hälfte immerhin aus Haushalten, in denen weder Mutter noch Vater einen Hochschulabschluss gemacht haben.

Das wirkt ausgeglichen, trotzdem sind die Aufsteiger an den Unis unterrepräsentiert. In der Bevölkerung gibt es nämlich sehr viel mehr Kinder von Nicht-Akademikern als von Akademikern. Wie ungleich die Chancen sind und wie sehr sie vom Bildungsabschluss der Eltern abhängen, verdeutlicht daher eine andere Zahl, die das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung ermittelt hat: Von 100 Akademikerkindern schaffen es demnach 79 an die Hochschulen. Von 100 Kindern aus nicht-akademischen Elternhäusern schreiben sich am Ende der Schullaufbahn nur 27 für ein Studium ein.

Auch auf dem Campus teilen sich die Wege zwischen Akademikerkindern und Aufsteigern. „Der Bildungsstatus der Eltern hat nicht nur einen Einfluss auf die Frage, ob jemand überhaupt studiert“, sagt DZHW-Forscher Markus Lörz. „Er spielt auch eine Rolle für die Wahl des Fachs.“

Wer als erstes aus seiner Familie an die Hochschule geht, der wagt etwas Riskantes, zumindest erscheint es so, und will daher umso mehr sichergehen, dass sich die Entscheidung hinterher nicht als Fehler herausstellt. Daher meiden Bildungsaufsteiger Fächer, die als brotlos gelten, etwa Kunst. Daher wählen sie häufig Studiengänge, bei denen die Jobchancen berechenbar wirken. Etwa Ingenieurwissenschaften. Der Sohn einer Verkäuferin studiert tendenziell etwas anderes als die Tochter einer Anwältin.

Gerade Aufsteiger sind besonders sensibel, was die Kosten eines Studiums angeht. Darauf deutet eine noch unveröffentlichte Untersuchung von Markus Lörz und seinen Kollegen hin. In ihr analysieren die Forscher, wie sich die Bafög-Novelle Anfang der 80er Jahre auf die Studienwahl ausgewirkt hat. Die neu ins Amt gekommene Regierung von Helmut Kohl verwandelte die Ausbildungsförderung in einen Kredit, den Studierende nach ihrem Abschluss vollständig zurückzuzahlen hatten (mittlerweile muss das Bafög nur noch zur Hälfte zurückgezahlt werden). „Die Arbeiterkinder haben daraufhin ihre Fachwahl erheblich geändert und sich vor allem für ertragreiche Fächer entschieden“, sagt Lörz. „Bei den Akademikerkindern gab es dagegen keine Veränderung.“

Manche Disziplinen sind bis heute Bastionen von Akademikerkindern geblieben – allen voran die Medizin. Fast zwei Drittel der Medizinstudierenden kommen aus einer Familie, in der auch schon die Eltern an der Hochschule waren. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Das Fach wird nur an den Universitäten angeboten und nicht wie etwa viele Wirtschafts- und Sozialwissenschaften oder Ingenieursstudiengänge auch an den Fachhochschulen. Bildungsaufsteiger erwerben aber häufig nicht das Abitur, sondern nur die Fachhochschulreife – deswegen ist vielen von ihnen der Weg in ein Medizinstudium schon rein formal verwehrt. Dazu kommen die strengen Zulassungsbeschränkungen: Wer Medizin studieren will, braucht einen sehr guten Abi-Schnitt – auch das bevorteilt Akademikerkinder, die in ihrer Schullaufbahn mehr Unterstützung von ihren Eltern erfahren. 

Wer am meisten jobbt

Hinterm Tresen stehen, an der Kinokasse Karten abreißen, auf Messen freundlich lächeln: Mehr als zwei Drittel der Studierenden arbeiten neben der Uni, zu Beginn der 90er Jahre war es erst die Hälfte. Sich etwas hinzuverdienen muss vor allem, wer aus einer ärmeren Familie stammt. 

Das mag erklären, warum Medizinstudierende vergleichsweise oft auf einen Nebenjob verzichten können. Gleichzeitig haben sie besonders viel Geld zur Verfügung, rund 976 Euro im Monat, 58 Euro mehr als der Durchschnittsstudent. Acht Prozent der Medizinerinnen und Mediziner erhalten ein Stipendium, unter allen Studierenden bekommen gerade einmal vier Prozent eine solche Förderung.

Aus Akademikerfamilien stammen zwar auch die Kunststudentinnen und Kunststudenten überdurchschnittlich oft. Trotzdem jobben sie anders als ihre Kommilitonen aus der Medizin sehr viel neben dem Studium. Warum? Vielleicht sind ihre Eltern zwar ähnlich gut ausgebildet wie die der Mediziner, aber ärmer. Vereinfacht gesagt: Der Vater der Medizinstudentin ist womöglich selbst Arzt mit gutgehender Praxis und kann jeden Monat problemlos ein paar hundert Euro überweisen. Die Eltern des Kunststudenten haben ebenfalls studiert, verdienen am Theater oder im Buchverlag aber lange nicht so gut.

Nicht nur der Geldbeutel der Eltern entscheidet darüber, ob Studierende neben der Uni jobben. „Auch die Arbeitsmarktaussichten des eigenen Studienfachs spielen eine Rolle“, sagt Markus Lörz vom DZHW. „Humanmediziner haben ein tendenziell einkommensstarkes Elternhaus, aber auch gute Berufsperspektiven. Möglicherweise ist deswegen die Dringlichkeit für sie nicht so groß, schon während des Studiums Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt zu sammeln.“

Ein Nebenjob dient schließlich nicht nur dazu, Geld für Miete und Mensa zu verdienen. Für viele Studierende ist er auch eine Weichenstellung auf dem Weg zur passenden Stelle nach dem Abschluss.

Wer am häufigsten im Hörsaal sitzt

7 500 Stunden. Mindestens so viel Zeit sollen Studierende vom ersten Semester bis zum Masterzeugnis in Vorlesungen, in der Bibliothek oder am Schreibtisch mit ihrem Fach verbracht haben. Die Kultusministerinnen und Kultusminister haben bei der Umstellung auf die Bologna-Abschlüsse vor einigen Jahren ziemlich genau geplant und berechnet, wie zeitaufwendig ein Studium sein sollte. Pro Woche müssten Studierende demnach 32 bis 39 Stunden in ihr Studium investieren – die Uni ist ein Vollzeitjob, zumindest sieht die Bildungspolitik das so. 

Und die Studentinnen und Studenten? 

Im Schnitt verbringen sie in einer Vorlesungswoche tatsächlich 32 Stunden mit ihrem Studium, gut 15 Stunden in Lehrveranstaltungen, weitere 17 Stunden mit dem Selbststudium. Aber einige gehen häufiger in den Hörsaal als andere. 

Besonders viel Zeit an der Uni verbringen die Medizinstudierenden – allein 20 Stunden in der Woche in Vorlesungen und Seminaren, weitere 20 Stunden mit dem Selbststudium. Dabei ist die Approbationsordnung, die für Medizinerinnen weiterhin gilt, weil ihre Studiengänge nicht auf Bachelor- und Master-Abschlüsse umgestellt wurden, sogar vergleichsweise gnädig: Sie schreibt ein sechsjähriges Studium mit einer Lernzeit von insgesamt 5500 Stunden vor.

Wer ins Ausland geht

Bis 2020 sollen 20 Prozent aller Studierenden mindestens einmal für ein Semester oder ein Praktikum ins Ausland gehen – das hatte sich die Europäische Union vor einigen Jahren vorgenommen. Bei wem müsste sie für ihr Erasmus-Programm besonders Werbung machen? Der Blick in die Daten zeigt: bei den angehenden Ingenieuren. 

Elektrotechnikerinnen, Informatiker und Materialwissenschaftler überqueren die Landesgrenzen nämlich eher selten. Nur elf Prozent der Studierenden in den Ingenieurfächern waren für eine längere Zeit zum Studium im Ausland. Warum hält es sie so sehr in Deutschland?

Eine Erklärung: Der Weg ins Ausland hängt wie vieles andere auch stark von der sozialen Herkunft ab, Akademikerkinder entscheiden sich häufiger für ein Erasmus-Semester. Bildungsaufsteiger bleiben dagegen eher im Land – das Studium ist ja schon Wagnis genug, da verzichtet man vielleicht auf ein paar Extravorlesungen in Valencia oder Prag mit vielleicht unklarer Anrechnungsmöglichkeit. Und Fächer wie Maschinenbau oder Verfahrenstechnik sind Studiengänge, die Bildungsaufsteiger besonders häufig wählen. 

„Es spielen verschiedene Punkte eine Rolle bei der Frage, ob man ins Ausland geht“, sagt Hendrik Schirmer vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. „Sind Auslandserfahrungen nützlich im Studium? Und wie sind die Arbeitsmarktaussichten? Sind die Perspektiven sowieso gut oder braucht es vielleicht einen Auslandsaufenthalt, um sich von anderen Bewerbern abzuheben?“ All diese Fragen beantwortet ein Maschinenbauer, egal ob Akademikerkind oder nicht, wahrscheinlich anders als die Französisch-Studentin. 

Wer noch bei den Eltern wohnt

Endlich weg von zu Hause! Niemanden, vor dem man sich rechtfertigen muss, wenn man nachts spät zurückkommt oder an einem Dienstag bis zum Mittag schläft. WG statt Kinderzimmer. Endlich Freiheit! Oder?

Mit dem Studium beginnt ein neuer Lebensabschnitt, oft in einer anderen Stadt und fern der Eltern. Trotzdem bleibt ein großer Teil zu Hause wohnen. Etwa jeder fünfte Studierende lebt noch mit Mutter und Vater zusammen. Auffallend viele Nesthocker gibt es unter den Studierenden der Ingenieurwissenschaften. Bloß warum?

„Unsere Daten sprechen dafür, dass eher junge Männer zu den Nesthockern gehören“, sagt DZHW-Forscher Hendrik Schirmer. Und Männer sind in den technischen Fächern deutlich überrepräsentiert. In einem Maschinenbaustudium sind fast 80 Prozent der Studierenden männlich, in Elektro- oder Verfahrenstechnik liegt der Anteil sogar noch höher. Der hohe Männeranteil ist eine Erklärung dafür, warum so viele angehende Ingenieure im Studium zu Hause wohnen.

Die Ingenieurfächer sind außerdem klassische Aufsteigerstudiengänge. „Es sind eher Akademikerkinder, die in die Welt hinausgehen“, sagt Schirmer. „Aufsteiger entscheiden sich meistens für die nächstgelegene Hochschule.“ Erstmal bei den Eltern wohnen zu bleiben, ist da sicher die bequemste und günstigste Variante. Auch das erklärt, warum so viele Ingenieurstudenten noch zu Hause leben.

Wer schon geheiratet hat

Im Studium sollen die Chancen ja gut stehen, die Frau fürs Leben zu finden – bloß wie, wenn man in einem Männerfach wie Physik gelandet ist? Und mit wem sollen all die Romanistinnen anbändeln, wenn in ihrem Studiengang auf zehn Frauen nur drei Männer kommen?

Mancherorts bemühen sich die Fachschaften als Kuppler. In Freiburg hat eine gemeinsame Party von Physik und Romanistik bereits lange Tradition – als Gelegenheit für den interdisziplinären Flirt. 

Rund 46 Prozent der Studierenden in Deutschland sind Single, ihr Anteil ist über die Jahre gestiegen. Am häufigsten partnerlos sind die Studierenden in den Ingenieurfächern. Vielleicht weil der Männeranteil einfach zu hoch ist? 

Der Ökonom Nico Pestel vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn hat mit Daten für die Zeit von 1977 bis 2011 untersucht, ob ein unausgeglichenes Geschlechterverhältnis im Studienfach auf Dauer die Heiratschancen verschlechtert – und zumindest für männlich dominierte Disziplinen wie die Ingenieurwissenschaften kann er Entwarnung geben. Die Absolventen der Männerfächer haben überraschenderweise sogar bessere Chancen, eine Partnerin zu finden als andere Studierende – allerdings häufig außerhalb der Uni. Ihre späteren Partnerinnen haben selbst oft keinen Hochschulabschluss. 

Bei den Frauen ist die Lage Pestels Studie zufolge anders: Studieren sie ein Fach, in dem sie weitgehend unter sich sind, steigt ihre Wahrscheinlichkeit, Single oder unverheiratet zu bleiben. Die Erklärung: Männer wählen zwar eine Partnerin mit einem niedrigeren Bildungsabschluss, umgekehrt kommt das für viele Frauen nicht in Frage. Ein Mann, der selbst nicht studiert hat? Schwer vorstellbar. Das schränkt die Auswahl ein.

Und warum sind so auffällig viele Medizinstudierende bereits verheiratet? Darüber lässt sich spekulieren. Der Numerus clausus im Fach ist hoch, es gibt Jahr für Jahr deutlich mehr Bewerberinnen und Bewerber als Studienplätze. Bis vor kurzem wurden bei der Vergabe in bestimmten Fällen auch sogenannte Sozialkriterien berücksichtigt: Die Chancen auf ein Studium an der Wunschhochschule stiegen, wenn man einen Ehepartner in der Stadt vorweisen konnte. Möglich, dass der ein oder andere da vor der Uni-Bewerbung schnell mal zum Standesamt gegangen ist. Künftig spielt der Familienstand allerdings keine Rolle mehr bei der Verteilung der Medizinstudienplätze. Man darf gespannt sein, ob sich die Medizin nun zum Fach der Ledigen entwickelt. 

Wer besonders gesellig, sportlich oder belesen ist

Kann man Menschen ansehen, welches Fach sie studieren? Ein Psychologiestudent der Uni Saarbrücken wollte es 2010 in seiner Diplomarbeit genau wissen. 55 Studierende seiner Uni bat er zu einem Fotoshooting: weiße Wand im Hintergrund, neutraler Gesichtsausdruck, nicht lächeln. 

Diese Ganzkörperaufnahmen legte er dann 28 Psychologiestudentinnen und Psychologiestudenten vor und bat um eine Einschätzung. Und tatsächlich: Die Probanden konnten mitunter allein schon vom Foto auf das Fach schließen. Besonders gut erkannt wurden Informatiker, eher schlecht Jurastudierende. 

Die Entscheidung für ein Studienfach ist auch eine für einen bestimmten Lebensstil, sie zeigt sich im Auftreten, in der Kleidung, im persönlichen Geschmack, in den Hobbys.

Vor einigen Jahren befragten Konstanzer Hochschulforscher per Mail 165 Jurastudierende, 179 Soziologiestudierende und 186 Physik- und Chemiestudierende ihrer Uni. Die Unterschiede im Lebensstil waren deutlich: Die Juristen pflegen ihre Wohnung klassisch und stilvoll einzurichten und in der Freizeit gehen sie eher ins Museum oder ins Theater. Ein nüchterner Einrichtungsstil und wenig Interesse an Hochkultur ist dagegen eher typisch für Naturwissenschaftler. Die Soziologiestudierenden hören gern Rockmusik und kaufen Second-Hand-Kleidung. 

Auch die Daten des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung untermauern, wie unterschiedlich Studierende ihre Freizeit verbringen. 

Den Tag im Café verbummeln, abends ein Glas Wein in der Bar: Es sind vor allem Kunststudierende, die so ihre Freizeit verbringen - wie es das Bild der Bohème eben verlangt. Aber auch die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler reihen sich ein. Ingenieure und Naturwissenschaftler gehen dagegen selten essen und trinken. Sie sind offenbar die Stubenhocker unter den Studierenden. 

Die Ingenieure treffen sich auch etwas weniger häufig als Studierende anderer Fächer mit ihren Freunden oder Bekannten. Das gilt ebenfalls für Mathematikerinnen und Naturwissenschaftler. Auch sie erscheinen nicht ganz so gesellig. 

Ingenieure und Naturwissenschaftler sind die Zockerkönige auf dem Campus: Der Anteil der Studierenden, die in ihrer Freizeit Computer oder Konsole spielen, ist in diesen Fächern besonders hoch. 

Ehrenamtlich tätig ist nur ein kleiner Teil aller Studierenden. Besonders häufig sind es die Sportlerinnen und Sportler. Warum? Womöglich, weil es in den vielen Vereinen gute Gelegenheiten gibt, sich als Trainerin für die Nachwuchsmannschaft zu engagieren. 

Es überrascht nicht, dass Kunststudentinnen in ihrer Freizeit besonders häufig malen, fotografieren, musizieren. Aber auch handwerklich betätigen sie sich oft. Ebenso aber auch die Ingenieure, die angehenden Tüftler also, sowie Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaftler.

Preisfrage: Wer macht am meisten Sport? Klar, die Sportstudierenden, mit großem Abstand sogar. Die Wahl des Studienfachs fällt bei ihnen mit der bevorzugten Freizeitaktivität so sehr zusammen wie bei wenigen anderen. Die größten Sportmuffel sind dagegen die Studentinnen und Studenten in den Kunst- und Geisteswissenschaften. 

Dafür greifen sie am häufigsten zum Buch. Studierende der Geisteswissenschaften lesen deutlich öfter als die Kommilitonen und Kommilitoninnen aller anderen Fächer. 

Warum gibt es diese Unterschiede? „Letztlich ist das die Frage nach Henne und Ei“, sagt Markus Lörz vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. „Man wählt das Studium auf der Grundlage persönlicher Interessen und Vorlieben. An der Hochschule trifft man in seinem Fach wiederum Menschen mit einem bestimmten Lebensstil und bestimmten Freizeitaktivitäten, an denen man selbst sich wiederum orientiert.“ 

Fächer über Fächer

Der Blick auf die großen Studienrichtungen ist wie einer durchs Fernrohr: Er gibt ein grobes Bild, eine erste Orientierung über die Vielfalt an den Hochschulen. Aber manchmal braucht es eine Lupe, um erkennen zu können, wie verschieden die Fächer und die Menschen, die sie studieren, wirklich sind. Die Politologin wird in vieler Hinsicht anders sein als der Betriebswirt, auch wenn die amtliche Statistik sie beide in das weite Feld der Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften einsortiert. Die Geisteswissenschaften fächern sich auf in sehr diverse Disziplinen, sie umfassen die Theologie genauso wie die Afrikanistik.

Und es entstehen immer neue Angebote, die sich an immer speziellere Zielgruppen wenden. Der Kanon der Hochschulen wird breiter, inzwischen ist er fast unüberschaubar. 

Wer heute studieren will, kann aus mehr als 20 000 Studiengängen wählen, neben den vielen klassischen sind auch sehr überraschende Fächer darunter. Brauwesen? Kann man tatsächlich studieren, aber warum eigentlich? Vegan Food Management? Reicht nicht einfach Betriebswirtschaftslehre? Sind Ingenieurpsychologen eher Ingenieure oder eher Psychologen und wofür braucht es sie? Und was führt jemanden in einen Studiengang, der sich semesterlang ausschließlich mit der archäologischen Relevanz alter Geldmünzen befasst?

Man wird sie fragen müssen.